Requiem Knabenchor Hannover, Sonnabend, 31. Oktober 2009, Funkhaus Hannover des NDR – Ein Bericht von Sherab
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Ich habe sehr gegrübelt, wie ich diesen Abend beschreiben soll. Beginnen wir doch einfach mit dem…
- Vorspiel.
Um 18 Uhr waren wir am Funkhaus Hannover des NDR am hannoverschen Maschsee. Im kleinen Sendesaal gab es eine Einführung in das Requiem durch den Komponisten Harald Weiss selber. Schnell war dieser Saal gefüllt. Auf der Bühne war ein Sofa, eine bekannte Moderatorin von NDR Kultur sprach mit dem Komponisten. Dieser erzählte sehr gut verständlich wie es zur Komposition dieses Requiems kam, dass er sich z.B. Schon seit Jahrzehnten mit dem Thema „Tod, und was kommt danach?“ beschäftigt. Einst in seiner Kindheit selbst ein Chorknabe, hat er sein Requiem dem Knabenchor Hannover gewidmet. Zum einen folgt er der Form des alten Requiems, also einer Totenmesse mit ihren lateinischen Texten, zum anderen suchte er weitere Texte aus der Literatur aus, z.B. „Mondnacht“ von Eichendorff, Texte von Hesse, Rilke, Tagore. Der Knabenchor hat ca. 1 Jahr lang dieses Werk eingeübt.

Teil 1 des Requiems: Schwarz vor Augen – dieser erste Teil des Requiems beinhaltet folgende Stücke:
Lehre uns bedenken (Psalm 90,12)
Knabensopran, Chor und Kammerorchester
In Paradisum/Lateinischer Hymnus)-Im Paradies
Chor und Streichorchester
Und meine Seele spannte(Joseph von Eichendorff-aus dem „Mondgedicht“)
Chor
Requiem aeternam(Messa da Requiem)-Ewige Ruhe
Sopran, Chor und Kammerorchester
Mors stupebit et natura(Messa da Requiem)-Tod und Leben wird erbeben
Chor und Kammerorchester
Selig sind die Trauernden (Matthäus 5,4)
Chor und Kammerorchester
Libera me(Messa da Requiem)-Befreie mich
Tenor, Chor und Kammerorchester
Entreiß dich, Seele, nun der Zeit(Hermann Hesse)/Dona nobis pacem
Chor und Kammerorchester
Und die Seele unbewacht(Hermann Hesse)
Chor und Kammerorchester
Herbst(Rainer Maria Rilke)
Chor und Kammerorchester
Lehre uns bedenken(Psalm90,12)/Lux aeterna-Ewiges Licht
Knabensopran, Chor und Kammerorchester

Ein sehr schöner Beginn dieses Werks: ein Knabensopran zusammen mit Röhrenglocken (Tubular Bells). Ein Requiem ist ja eine Trauermusik. Von Trauer halten wir uns gerne fern, wollen so etwas nicht wahrhaben. Und dann Jungen eine Knabenchores mit so etwas „belasten“? Das sind Gedanken, die einem manchmal kommen. Aber es ist weder etwas Neues noch etwas Ungewöhnliches dass ein Knabenchor ein Requiem singt. Was an diesem Requiem anders ist: der Komponist beschränkt sich nicht auf mitteleuropäische Trauertradition, sondern hat in anderen Kulturbereichen geforscht, wie die Frage „Tod – und danach?“ dort gesehen wird.
So ist dieses Werk an keiner Stelle irgendwie bedrückend oder traurig. Gerade die literarischen „Einspielungen“ von Eichendorff, Hesse und Rilke wirken auflockernd, bringen etwas Schönes in die Thematik, rütteln auf, dass Tod kein Feind ist, sondern zum Leben dazu gehört. Wir sehen bei diesem Thema oft schwarz… „Schwarz vor Augen…“
Musikalisch ist dies ein modernes Requiem, aber jeder Komponist orientiert sich an anderen großen Komponisten vor ihm. Ich erlebte dieses Requiem und hörte Teile, die wie klassisches Musik klangen, dann erinnerten mich andere Teile an Carl Orff und weitere modernere Komponisten. Harald Weiss hat natürlich sein eigenes Werk geschaffen, verbeugt sich aber vor seinen Vorgängern in diesem Beruf des Musikers. Dieser erste Teil wird wieder mit dem Knabensopran abgeschlossen.
Teil 2 des Requiems: … und es ward Licht ! Dieser zweite Teil des Requiems beinhaltet folgende Stücke:
Sanctus(Messa da Requiem) – Heilig
Sopran, Flügelhorn Chor und Kammerorchester
Veni, Sanctus Spiritus(Messa da Requiem) – Komm, heiliger Geist
Chor und Kammerorchester
Lacrimosa/Rex tremendae(Messa da Requiem) – Tränenvollster aller Tage/Herr, des’ Allmacht Schrecken
Sopran, Tenor, Chor und Kammerorchester
Ich muss Abschied nehmen(Rabindranath Tagore)
Tenor, Chorteneor, Chorbass und Kammerorchester
Lux aeterna (Texte von Harald Weiss, Rabindranath Tagore und aus der Messa da Requiem)
Lux aeterna – Der Tod, dein Diener – Kann mein Auge sehen? – Dein Bote ist es – Lux aeterna
Sopran, Knabensopran, Chor, Flügelhorn und Kammerorchester
Sanctus/Dies Irae – Offertorium(Messa da Requiem)
Sopran, Chor, Flügelhorn und Kammerorchester
Auf den Tod soll man sich rechtzeitig vorbereiten. Das hat nichts mit Lebensmüdigkeit zu tun. Loslassen, sich nicht mit Unnötigem belasten, was man doch nicht mitnehmen kann auf dem Weg ins Licht. Das Düstere der europäischen Trauertraditionen verdunkelt trotz der orientalisch-christlichen Orientierung des Abendlandes immer noch unsere Auffassungen vom Tod und danach. Dem wird textlich ein Beitrag des weltberühmten bengalischen Dichters Rabindranath Tagore entgegengesetzt, der genug Weisheit besaß, über den Tellerrand einzelner Religionen hinauszublicken, die Wahrheit hinter kleinräumigen menschlichen Religionskonstrukten zu sehen.
Musikalisch ist dieser zweite Teil in der Mehrheit ruhiger als der erste, die Seelenaufruhr im Angesicht von Tod weicht einem Aufstieg ins Licht, dass der Mensch nur dann sieht, wenn er endlich seine Augen öffnet. Es waren in Weiss’ Werk wieder klassische Anklänge zu finden, einige „moderne“ atonale Anklänge, dann aber auch Passagen, die mich sehr an die Musik eines Leonard Bernstein erinnerten, in dessen wohl schönstem Werk, seiner Messe(„Mass“). Auch Bernstein als Weltbürger jüdischen Glaubens komponierte weit über die kleinlichen Grenzen unserer Welt hinaus.
Nach meinem Verständnis ist der Höhepunkt des zweiten Teils im o.a. Lux-aeterna-Block zu finden. Drei Texte werden hier zusammengeführt, Gedanken werden von verschiedenen Sängern gesungen und von Instrumenten unterstützt. Der Tod ist keine Horrorgestalt, kein Sensenmann, keine billige Halloween-Figur… NEIN! „Dein Bote ist es“ singt der Knabensopran. Eine Klangpassage aus wenigen Tönen, musikalisch noch einfacher als ein Kinderlied. Aber ungeheuer einprägsam. Diese kleine Tonfolge mit den Worten“Dein Bote ist es“ wurde bei mir zum Ohrwurm. Ein paar Male erwischte ich mich selber dabei, wie ich bei verschiedenen Tätigkeiten diesen Satz vor mich hin sang. Der letzteTeil des Requiems ist dann nur noch der Ausklang, nachdem die Zuhörer eine einfache Weisheit präsentiert bekamen.
So, es ist geschafft. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob alle Leser meinem Bericht über diese Uraufführung folgen können. Ich finde es sehr schwer, über ein solches Werk zu berichten, weil man „dabei“ gewesen sein muss um die Botschaft dieses Werkes zu erfahren. Ich zumindest kann nur Bruchstücke weitererzählen. Dieses Requiem ist nur ganzheitlich erfahrbar.

SCHWARZ VOR AUGEN UND ES WARD LICHT !
The english version:
It was not easy to write about this. Therefore my report appears here with a great delay.
Prelude. At 6 pm, we were in the broadcasting centre Hannover of the NDR near the Hanoverian lake Maschsee. In the small broadcasting hall there was an introduction to the requiem by the composer Harald Weiss. Quickly this hall filled. On the stage there was a sofa, a well-known presenter of the cultural station „NDR-Kultur“ spoke with the composer. He told in a very comprehensible way how he came about to start composing this requiem. Already for decades he was involved with the theme of „Death, and what comes afterwards?“. Once a choirboy himself, he dedicated his requiem to the Knabenchor Hannover. On the one hand, he follows the scheme of the old requiem with Latin texts, on the other hand he selected other texts from literature, e.g., “Mondnacht(=moonlit nigh)t” by Eichendorff, other texts by Hesse, Rilke, Tagore.
The boy’s choir had practised this requiem for approximately one year. Part 1 of the Requiem: Schwarz vor Augen( Black In Front Of Your Eyes) – this first part of the requiem contain the following pieces:
Lehre uns bedenken(Psalm 90,12)-Teach us to consider (psalm 90.12)
Boy’s soprano, choir and chamber orchestra
In Paradisum/Lateinischer Hymnus)-In paradise
Choir and string orchestra
Und meine Seele spannte(Joseph von Eichendorff-aus dem „Mondgedicht“)And my soul spread (Joseph von Eichendorff-from the “Mondgedicht(lunar poem)”)
Choir
Requiem aeternam(Messa da Requiem)- Everlasting rest
Soprano, choir and chamber orchestra
Mors stupebit et natura(Messa da Requiem)- Death and life will tremble
Choir and chamber orchestra
Selig sind die Trauernden (Matthäus 5,4)Blessed are the mourning (Mattew 5.4)
Choir and chamber orchestra
Libera me(Messa da Requiem)- Liberate me
Tenor, choir and chamber orchestra
Entreiß dich, Seele, nun der Zeit(Hermann Hesse)/Dona nobis pacem-Fly off, soul, now of the time (Hermann Hesse)/Dona nobis pacem
Choir and chamber orchestra
Und die Seele unbewacht(Hermann Hesse)And the soul unguardedly (Hermann Hesse)
Choir and chamber orchestra
Herbst(Rainer Maria Rilke)- Autumn(Rainer Maria Rilke)
Choir and chamber orchestra
Lehre uns bedenken(Psalm90,12)/Lux aeterna-Ewiges Licht – Teach us to consider (Psalm90,12) / Lux Aeterna-everlasting light
Boy’s soprano, choir and Kammerorchesterer
A very nice beginning of this work: a boy’s soprano together with tubular bells. A requiem is funeral music. We normally prefer to keep away from grief, do not want to admit the existence of such a thing. And then confront boys of a boy’s choir with something like that? These are thoughts which sometimes crossed my mind. But it is neither something new or otherwise unusual that a boy’s choir sings a requiem. What is different in this requiem: the composer does not limit himself to Central European funereal traditions, but has done research in other cultural areas, how the question of „death – and afterwards?“ is dealt with. Thus this work is not in any part depressing or sad. Especially the“ inserts“ of literature by Eichendorff, Hesse, Rilke and Tagore have the effect of bringing in some relaxation, introducing some beauty into the topic, rousing us that death is no enemy, but is part of life. We are often pessimistic about this subject… „Black before eyes…“…
Musically this is a modern requiem, but every composer orientates himself towards other great composers before him. With this requiem, I experienced and heard parts which sounded like classical music, then other parts reminded me of Carl Orff and other more modern composers. Harald Weiss created, of course, his own work and bows to his predecessors in his occupation as a musician. This first part is concluded again with the boy’s soprano.
Part 2 of the Requiem: … and there was Light! This second part of the requiem contain the following pieces:
Sanctus(Messa da Requiem)- Holy
Soprano, flugelhorn, choir and chamber orchestra
Veni, Sanctus Spiritus(Messa da Requiem)– Come, Holy Spirit
Choir and chamber orchestra
Lacrimosa/Rex tremendae(Messa da Requiem)– Most teatfull of all days / Lord, whose omnipotence
Soprano, tenor, choir and chamber orchestra
I must say goodbye (Rabindranath Tagore)
Tenor, choral teneor, choral bass and chamber orchestra
Lux aeterna (texts by Harald Weiss, Rabindranath Tagore and from the Messa da Requiem)
Lux aeterna – Death, your servant –Can my eye see? – This is your messenger – lux aeterna
Soprano, boy’s soprano, choir, flugelhorn and chamber orchestra
Sanctus/Dies Irae – Offertorium(Messa da Requiem)
Soprano, choir, flugelhorn and chamber orchestra
One should prepare for death in time. This has nothing to do with being tired of life. Letting go, not loading yourself with the unnecessary you cannot take along on the way into light. The gloom of European funereal traditions, in spite of the Oriental-Christian orientation of the West, still darkens our views of death and afterwards. In opposition to that, a contribution of the world-famous bengal writer Rabindranath Tagore is put into this requiem, by a poet who certainly posessed enough wisdom to „look over the edge of the bowl“ of individual religions, seeing the truth behind small-scale human religious constructs. Musically this second half is quieter in major parts than the first one, the turmoil of the soul in the face of death gives way to the ascension into light, which can only be seen when you finally open your eyes.
Reminiscence to classical music can be found again in Weiss’ Work, some “modern” atonal moments, also passages which reminded me very much of Leonard Bernstein’s music, in probably his most beautiful opus, his „Mass“. Being a member of the Jewish faith, at the same time a cosmopolite, Bernstein composed beyond the petty borders of our world.
According to my understanding the climax of this second part is to be found in the above mentioned „lux-aeterna-block“. Three texts are brought together here, some thoughts are sung by different singers and supported by instruments. Death is no horror figure, no Grim Reaper, no cheap Halloween figure… NO! „This is your messenger“ the boy soprano sings. A sound passage of a few tones/notes, musically even simpler than a child song. But tremendously impressive. It is this small tune with the words „This is your messenger“ which became a catchy tune for me. In the days afterwards, I caught myself several times singing just this simple tune with its message while being involved in different activities.
The last part of the requiem is only the conclusion, after the audience was presented with an easy wisdom. Well, done at last! Although I am not sure whether all readers can follow the thoughts of my review on this premiere. I find it very difficult to report about such an opus because one has to be present to experience the message of it. I can only pass on fragments. This requiem can be comprehended only in its entirety.
BLACK IN FRONT OF THE EYES…AND THERE WAS LIGHT!
I have to say „Thank you!“to Knabenchor Hannover and its director Professor Breiding, as well as the adult soloists and orchestra musicians for this miraculous performance! Last but not least, special thanks go to the composer Harald Weiss who created a great work. If I take this work as a benchmark, I line him up with great composers of modern and classical times. I am really looking forward to experience the requiem once again by listening to the double CD which will appear next year.
(c) Sherab 2009