AKA: kein Alternativtitel – Laufzeit: 95 Minuten – Land: Schweiz, Belgien, Frankreich
Hallo liebe Leser ! Wie lange habe ich auf diesen Film gewartet, und voller Erwartung gehofft dass er doch noch den Weg in deutsche (Kino-)Gefilde finden würde ? Glücklicherweise zeigen nun auch hier einige ausgewählte Lichtspielhäuser diesen nicht ganz gewöhnlichen Film aus der Schweiz. Kommen wir zuerst zum Inhalt dieses Werkes (bei Bedarf überspringen): eine 5-köpfige Familie lebt in einem grundsoliden Haus nahe einer nie fertiggestellten Autobahn. Die Kinder Julien (Kacey Mottet Klein), Marion (Madeleine Budd) und die etwas ältere Judith (Adélaïde Leroux) bilden zusammen mit ihren Eltern Michel (Olivier Gourmet) und Marthe (Isabelle Huppert) ein starkes Gespann, welches sich an das Leben hier gewöhnt hat. Dies ist ihr “Zuhause” – die verlassene Straße ist zu einem Teil ihrer Wohnstätte geworden. Eines Tages jedoch wird das wahr, was sich niemand erhofft hatte: die Autobahn wird in Betrieb genommen – und diesmal machen die Bauherren wirklich ernst. Schon bald fahren die ersten Autos über die frisch geteerte Straße – sehr zum Nachteil unserer 5 Anwohner. Von nun an versucht jeder auf seine Weise mit der neuen Lärmkulisse fertig zu werden – doch besonders Marion versucht ihre Familienmitglieder immer wieder auf die mögliche gesundheitliche Gefahr hinzuweisen. Warum also ziehen sie nicht einfach um… ? Genau mit – unter anderem – dieser Frage beschäftigt sich Ursula Meyer’s “Home” !
Wie lange wird es wohl noch sicher sein, die Straße zu überqueren… ?
Nun gut, schreiten wir zur eigentlichen Rezension. Zu Anfang möchte ich ersteinmal festhalten, dass ich die Grundidee hinter diesem Werk für durchaus sinnvoll, zeitlos und durchdacht halte. Selbstverständlich gibt es vergleichbare Wohnsituationen auch in der Realität – nur schenken wir diesen nur selten unsere Aufmerksamkeit. Und dann kommt da ein Film wie “Home” daher – und serviert uns diese Thematik auf dem Präsentierteller, mit all ihren (schmutzigen) Facetten. Das ist lobenswert ! Zumal der Film, obwohl für jeden selbst zu interpretieren – einige brauchbare Aussagen bezüglich der relativ zeitlosen Bau- und Landschaftserschließungssituation in vielen Ländern bereithält. Wie weit darf der Mensch gehen ? Brauchen wir natürliche Rückzugsgebiete, fernab von all dem Lärm und Trubel der Großstädte ? Die Natur ist also eine der großen Begriffe, die über “Home” schweben. Große Aufmerksamkeit kommt auch dem Begriff Sozialisation zugute. Schließlich haben wir hier die zwei großen Welten des sozialen Zusammenlebens: einmal im Mikro- (Familie) und einmal im Makrokosmos (soziales Umfeld). Es stellt sich unter anderem die Frage, wie weit sich die Aussenwelt an die (intime) Athmosphäre eines familiären Zusammenlebens nähern kann – ohne dass dieses möglicherweise erheblichen Schaden nimmt.
Langeweile macht sich breit…
Und die Autobahn ist – meiner Meinung nach – die wohl perfekte Metapher für diesen Gedankengang. Jedoch haben wir durch meine Nennung des Begriffes Metapher sogleich auch das erste Problem des Films auf der Hand. Denn im Grunde genommen ist der gesamte Film eine einzige Metapher ! Wir haben zwar eine Haupthandlung – doch “passiert” im filmischen Sinne nun wirklich nicht viel. Die Situation bleibt stets unverändert – mit der Inbetriebnahme der Autobahn. Es wird später zwar gehadert, ob ein Auszug nicht doch das richtige wäre – aber eben nur kurz. So sehen wir der Familie zu, wie sie sich mit diesem alten, neuen Leben zu arrangieren versucht. Selbst für ein Drama haben wir hier einen verdächtig wackeligen Spannungsbogen – im Grunde genommen ist der Film komplett vorhersehbar, und wartet kaum mit neuen Erkenntnissen auf – zumindest nicht nach den ersten 20 Minuten ! Denn bereits in dieser kurzen Zeit werden fast alle für den Film wichtigen “Fakten” angerissen und behandelt. Es ist das Alltagsleben, welches porträtiert wird – aber selbst hier fühlt es sich an, als gäbe es erhebliche Lücken. Irgendetwas fehlt, alles wirkt selbstverständlich – für den Zuschauer ist es dies aber keinesfalls.
Die letzten Tage mit dem Fahrrad auf der Autobahn…
Das zweite, für mich fast gravierendste Problem findet sich in der (vermeintlichen !) Oberflächlichkeit der Charaktere und der hier dargebotenen Tatsachen. Wir wissen zwar jeweils ungefähr, wie unsere Hauptprotagonisten “ticken”, es wird jedoch nur an der Oberfläche gekratzt. Man weiss aber einfach, dass es viel mehr zu erzählen gäbe, und wartet gespannt auf weitere offenbahrende Details – doch geizt der Film in Sachen tatsächlichem Inhalt sehr. Es geht nicht zu sehr um das warum oder weshalb, sondern handelt es sich schlicht um eine etwas ermüdende Momentanalyse, in der weniger “Output” produziert wird als in einer mittelmäßigen Dokumentation. Natürlich, es handelt sich hier um einen Spielfilm – und die sollen vor allem eines: zum Nachdenken anregen. Dies schafft “Home” aber nur bedingt – und in Anbetracht der Spieldauer muss ich feststellen, dass selbiges Thema ebensogut (oder besser) in Kurzfilmform hätte verpackt werden können. Denn was hilft alles “warmwerden” mit den Charakteren, wenn wir am Ende (ungefähr) genauso dastehen wie zu Beginn des Films ? Ganz besonders das psychische Problem der Mutter kam nicht wirklich zur Sprache, sodass man sich fragt: warum zur Hölle tun diese Eltern ihren Kindern das alles an… ? Warum greift bloss niemand ein… ? Das spätere Verbarrikadieren jedenfalls ließ mich übel aufstoßen. Denn ab hier beginnt der Film tatsächlich, ein ernsthaftes Psychogramm zu zeichnen. Die Kinder sind hier – wie immer- die leidtragenden.
Habe ich da bereits einen “Bleifleck”… ?
Was bleibt, ist mit Sicherheit ein bleibender Eindruck hinsichtlich der gesamten Präsentation. Der filmische Stil ist wahrlich einzigartig – ruhig, beklemmend, intim. Hauptschauplätze des Films sind in erster Linie das Badezimmer (!), sowie die Umgebung der Autobahn. Es entsteht ein Gefühl der “Nahbarkeit”, wir nehmen als Zuschauer quasi aktiv am (er)leben der Charaktere teil. Zudem sind die Leistungen der Darsteller wirklich enorm. So authentisches Spiel sieht man heutzutage eher selten ! Jeder der 5 Familienmitglieder bekommt Aufmerksamkeit, sodass die Schauspieler Gelegenheit habe, ihren Charakteren eine universelle Persönlichkeit und Leben einzuhauchen. Und das ist ihnen mit Sicherheit gelungen ! Auch in Sachen Kamera, Schnitt und Sound ist eines feststellbar: gepfuscht oder sich vertan wurde sich hier nicht. Interessant: es gibt hier mehr nackte Tatsachen zu sehen als üblich. Ob jung oder alt, bedeckt hält sich hier niemand. Ob nun realistisch oder voyeuristisch – das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden…
Insgesamt bin ich vom Film aber eher etwas enttäuscht. Er gibt einfach zu wenig preis – entweder ist dies Absicht, oder aber es fehlten die Ideen wie dies hätte realisiert werden können. Was bleibt, sind 2 oder 3 große Metaphern, die den Zuschauer beschäftigen werden. Das ist gut – aber für mich einfach zu wenig für ein wirklich unterhaltsames, nachhaltig wirkendes Drama. Ich vergebe daher eine Wertung von 65%, was bedeutet: oberes Mittelfeld. Mehr aber eben nicht… ! Der Trailer:


Nach einer Nacht des Schlafes und nach Überdenken der finalen Wertung komme ich auf eine Erhöhung von 5 Prozentpunkten. 60% > 65% ! Diese Wertung ist nun final. Liebe Grüße, Ikarus