AKA: Class Trip – Runtime: 96 Minutes – Country: France
“Du denkst Du hattest es schwer… ? “(Coverspruch, frei übersetzt)
Basierend auf einem Roman von Emmanuel Carrère, dreht sich das Geschehen hauptsächlich um den jungen Nicolas (Clément van den Bergh) und die einzigartige Art, wie er sich selbst und sein Umfeld auf dem Weg zur Adoleszenz wahrnimmt. Als sich seine Schulklasse zu einer Klassenfahrt aufmacht, beginnt sein ultimatives, persönliches Gefühlsmartyrium; welches in erster Linie gekennzeichnet ist durch wiederkehrende Alpträume, Visonen und Gewissensbisse. Sein eigener Vater (François Roy) scheint hierbei eine nicht ganz unerhebliche Rolle zu spielen… wirkte er zu Beginn noch teilweise überfürsorglich und gar panikmachend in Bezug auf die alltäglichen Gefahren des Lebens; besonders in Bezug auf seine beiden Kinder – so stellt sich bald heraus, dass er selbst auch keine wirklich weisse Weste hat…
Nicolas’ Eltern – irgendwie wirken sie nicht ganz “proper”…
Puhh, keine leichte Kost – weder von der Thematik noch von der ungewönlichen Machart her. Der Film fokussiert sich in erster Linie auf den jungen Nicolas und seine Probleme – meist in Form von verworrenen Rückblenden, expliziten Visonen und Alpträumen – sodass es dem Zuschauer nicht immer leicht fällt, dem Geschehen zu folgen. Zumindest ich endtdeckte mich selbst so manches mal auf der Suche nach dem berühmten roten Faden – sofern in Bezug auf dieses Werk überhaupt einer existiert. Auf diesen Film muss man sich einlassen, das ungewöhnliche erwarten – sonst klappt es nicht.
Nicolas ist ständig geplagt von beängstigenden Visonen und Alpträumen
Das Gefühl der Verwirrung (seitens Nicolas, und auch des Zuschauers) geht einher mit dem klaren Ausdruck der Stärken des Films. Diese liegen hauptsächlich in dem sagenhaften Portrait des Gefühlslebens Nicolas‘, welches eine gewisse, wichtige Form der Empathie für den dargestellten Charakter ermöglicht. Was ist Wirklichkeit, was Vision; was bedeuten diese ? Etwas vergleichbares, ähnlich eindrückliches habe ich jedenfalls noch nicht gesehen.
Andererseits werden viele Dinge unangetastet gelassen; es wird beispielsweise kaum ein Wort über die familiäre Siuation Nicolas‘ gesprochen; sodass der Zuschauer sich viele Zusammenhänge selbst erschließen (oder zusammenreimen) muss. Die große filmische Überraschung findet ca. in der Mitte des Films statt – und das ist wenn Nicolas‘ beängstigende Visionen teilweise Realität werden. Ein totes Kind in den naheliegenden Wäldern, welchem ein Organ entnommen wurde… Nicolas weiss nicht, was er glauben soll. Doch er schreit auch nicht nach Hilfe; er versucht, all dies selbst durchzustehen. Interessanterweise befreundet er sich gerade mit dem allgemeinen, die anderen hänselndem “Klassenoberhaupt” Hodkann (Lokman Nalcakan) – und diese Freundschaft scheint zu gedeien, obwohl Nicolas eher schüchtern und im Grunde der totale Aussenseiter ist.
Nachdem er schlafwandelte, erkrankte Nicolas… was ist Wirklichkeit, was Fiktion ?
Was folgt ist ein wahrer Szenenintermezzo, welches für einige Verwirrung; aber auch Unterhaltung sorgt. Man hat das Gefühl, als wüsste man nicht ob Tag oder Nacht ist – was ist mit Nicolas, warum verhält er sich in dieser Situation so und nicht anders… das alles untermalt von der grandiosen “Schneefall bei Nacht”-Optik und dem atmosphärischen Soundtrack. Die Darstellerleistungen sind schlicht überragend. Allen voran der junge Clément van den Bergh ist in der Lage; diesen derart zerissenen, verwirrten und teilweise wohl auch verlorenen Charakter perfekt und glaubhaft darzustellen.
Dennoch; und um langsam zu einem Ende zu kommen, hatte ich meine Probleme mit diesem Film. Wessen Ursprung diese Gefühle des Zweifels entstammen ist vielleicht ebenso ungewiss wie die Aussage des Films selbst. Ist es schlicht eine Darstellung, die zeigt wie sehr eine Kinderseele unter schlimmen Umständen leiden kann ? Stellenweise lässt er aber viele Fragen offen, vielleicht zu viele – nicht zuletzt, da die Thematik arg zusammengeschrumpft wirkt. A’la: seht, das ist Nicolas, unser “Problemkind” – er geht auf Klassenfahrt. Aber das war’s dann auch schon… zumindest gefühlsmässig, bei mir persönlich – und wenn man den Plot oberflächlich betrachtet. Das da aber noch viel mehr ist werden all diejenigen sehen, die sich den Film zu Gemüte führen.
Nicolas findet wenigstens einen neuen Freund, mit dem er sich austauschen kann
Ein ungewönlicher Film, mit einer grandiosen Optik, Schauspielkunst, und einem mehr als stimmungsvollen Soundtrack. Aber mit leichten Schwächen im manchmal faden und teilweise vorhersehbaren Grundplot, welcher insgesamt nur allzu sehr “verkompliziert” wurde – immerhin, es wird konsequent aus Kindersicht erzählt. Mit einigen (zumindest gefühlten) Logik- und Nachvollziehbarkeitsfehlern – siehe Traumsequenzen en masse – muss man als Zuschauer wohl leben. Genau dies scheint jedenfalls beabsichtigt zu sein. In jedem Fall ein Film, der das Prädikat “wertvoll” erhalten sollte – da er einen tiefen Blick in einer verwirrte Kinderseele bietet; und einmal mehr auf die größte, allgegenwärtige Gefahr für die Kinder hinweist. Nein, es sind keine höhren Mächte oder Unbekanntes; oftmals ist es das Übel in der eigenen Familie. Meine Wertung: 7.2/10 Punkten – Abzüge wegen der eher schweren Zugänglichkeit. “Abandoned“, der quasi aus der selben Filmreihe (”Picture This! Presents Tales From The Orphanage“) stammt; halte ich für besser.
Der Trailer und weitere Infos auf der offiziellen Vertriebsseite – die DVD gibt es soweit ich weiss noch nicht in Deutschland. Ich nahm Vorlieb mit der US-Version.





