AKA: Der Herr Der Fliegen – Laufzeit: 92 Minuten – Land: UK
Dieser mehrfach ausgezeichnete Film ist ein zeitloses Meisterwerk – ich bin mir fast sicher, dass viele von Ihnen ihn bereits gesehen haben. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von William Golding, ist in Schwarz-Weiss gehalten; und ist keinesfalls mit der 1990′er Verfilmung von Harry Hook zu verwechseln. Das Buch habe ich vor einigen Jahren zum ersten Mal gelesen, weshalb es möglich ist dass ich innerhalb dieser Rezension Vergleiche ziehe. Für diejenigen die nicht mit der Geschichte vertraut sind nun eine kleine Einführung. Der Film fokussiert sich auf eine Gruppe englischer Schuljungen, die gerade einen Schulausflug machen; sie reisen mit einer alten Propellermaschine. Doch sie werden ihr geplantes Ziel nicht erreichen; das Flugzeug wird von einem Blitz getroffen und stürzt ab. Sie stranden daraufhin auf einer einsamen Insel irgendwo im Nirgendwo. Die Kinder überleben glücklicherweise alle; die Erwachsenen haben jedoch nicht so viel Glück. Fortan sind sie also vollkommen auf sich allein gestellt. Die ersten Überlebenden die gezeigt werden sind Ralph (James Aubrey) und Piggy (Hugh Edwards), 2 der älteren Jungen.
Bald darauf erscheinen auch die anderen Überlebenden, die scheinbar über die ganze Insel verstreut wurden. Das erste Gruppentreffen wird vabgehalten, die Lage wird abgeschätzt und es wird ein Anführer bestimmt. Die Wahl fällt auf Ralph – welcher eine eher ruhige und vertrauenswürdige Person zu sein scheint. Die Kinder besinnen sich auf eine mögliche Rettung; sie fangen an Unterkünfte zu bauen und ein riesiges Signalfeuer aufflammen zu lassen. Doch Jack (Tom Chapin), der Kopf der Chorjungengruppe, scheint sich nicht wirklich jemandem unterorden zu wollen. Zuerst stimmt er noch grummelnd den Plänen Ralph’s zu, doch als er eine eigene Gruppierung bildet welche frisches Fleisch liefern soll – die “Jäger” – scheint die allgemeine Verwilderung der Kinder ihren unaufhaltsamen Lauf zu nehmen.
Die gestrandeten Kinder treffen am Anfang noch Gemeinsame Entscheidungen
Achtung, Spoiler – in dieser Rezension werde ich auf einzelne Szenen, den weiteren Verlauf und vieles mehr eingehen. Bitte um Kenntnisnahme !
Um es noch einmal zu betonen: dieser Film ist wirklich aussergewöhnlich. Wenn man den Zeitraum betrachtet in welchem er erschienen ist; muss man doch festellen, dass es bis dato nichts ernsthaft vergleichbares gab. Selbstverständlich haben wir noch das 1990′er Remake; welches für ein Remake gar kein so schlechtes ist; doch gewinnt das Original im direkten Vergleich um Längen. Überhaupt: warum sollte man einen derart guten, zeitlosen Film erneut verfilmen und möglicherweise in die modernere Zeit versetzten ? Das gerade macht doch die Faszination des Filmes aus; man spürt fast überhaupt nicht in welcher Zeit das Geschehen stattfindet; es lässt sich nur grob in Jahrzehnte einordnen. Und das ist auch gut so ! Man könnte sich nun natürlich erneut an den Stoff wagen… aber heutzutage dürfte die Spannung wohl schnell verfliegen wenn alle Schüler Handys mit integrierten GPS-Sendern in der Tasche haben… ich beliebe natürlich zu scherzen: in der heutigen Zeit wäre solch ein Unglück eigentlich kaum mehr vorstellbar.
Jack und Ralph jagen gemeinsam… doch ihre Rivalität flammt immer wieder auf
Doch zurück zum FIlm. Unschuldige, unerfahrene Kinder die auf einer einsamen Insel stranden, ohne dass jemand von ihrem Aufenthaltsort weiß – Sie vermuten hier einen eher öden Film ? Damit liegen Sie vollkommen falsch. Denn der Film zieht einen Großteil aus seiner (teilweise grausamen) Authenzität; und der einen großen Stimmungsschwankung unter den Kindern: erst glauben sie noch daran gerettet zu werden; doch nach und nach scheinen sich immer mehr Kinder mit der Tatsache abgefunden zu haben; dass es möglicherweise keine Chance auf Rettung gibt. All ihr Frust und all die Verzweifelung münden in einer zunehmenden Entmenschlichung und Entzivilisierung. Was würde man von diesen Kindern als erstes erwarten ? Richtig, dass sie Angst haben. Und die haben sie – das Porträt eben dieser ist einer der stärksten Aspekte des Films. Sie manifestiert sich in einem möglichen “Monster”, welches irgendwo auf der Insel leben soll. Der anfängliche Spott über diese Bedrohung – vor allem seitens der älteren Kinder – wandelt sich jedoch schnell in ein allgemeines, direktes Bedrohungsgefühl das alle angeht. Bis schließlich gilt: das “Biest” muss gejagt und getötet werden ! Doch einige vereinzelte Jungen stellen sich gegen diesen Instinkt als Möglichkeit der Angstbewältigung; allen voran der junge Simon; der zu einem Zeitpunkt gar sagt: “Vielleicht gibt es gar kein Monster, vielleicht sind es wir selbst”… schallendes Gelächter unter der Meute der Jungs.
Der junge Simon, einer der wichtigsten Charaktere des Films
Selbstverständlich wird die Aufmerksamkeit aber in erster Linie auf Jack und Ralph gelenkt; und ihre sich langsam entwickelnde Feindschaft. Ralph ist zwar der offizielle Anführer; doch Jack scheint sich von Anfang an gegen ihn aufzulehnen. Erst noch ohne Erfolg, da die anderen Kinder hinter Ralph stehen – doch auch dies ändert sich im Laufe der Zeit. Wirklich weise Feststellungen der verbleibenden, wie “Die Regeln sind aber alles, was wir noch haben”… zeigen keine Wirkung mehr. Die Kinder teilen sich auf, es entstehen 2 verschiedene Camps. Jack hat den Großteil der Kinder für sich und seine Jägergruppe gewinnen können. Von nun an gehen sie gemeinsam jagen, feiern fast täglich berauschend-barbarische Feste am Lagerfeuer. Nur Ralph und Piggy und einige der jüngsten “bleiben übrig”. Sie diskutieren über die Möglichkeit sich der Meute unterzuordnen um nicht selbst ins Kreuzfeuer der aufkommenden Gewaltwelle zu geraten – doch es ist bereits zu spät. Ein wirklich authentisches Porträt der Kinder in dieser verzweifelten Ausnahmesituation; den verschieden “Führungen” (verkörpert von 2 vollkommen unterschiedlichen Jungen) und der allgemeinen Gruppendynamik. Übertragbar auf das allgemeine Leben: es wird immer eine “Masse” geben; unter der es sich vielleicht ganz gut leben lässt – doch gibt es auch stets einzelne Charaktere, die möglicherweise als einzige in der Lage sind gewisse Situationen von Aussen zu betrachten; und als offensichtlich falsch zu beurteilen. Ein weiterer Symbolismus der funktioniert: gerade diese Tatsache beschert demjenigen, der von Aussen schaut; möglicherweise den Tod – wie es hier im Film bei Piggy der Fall ist. Eine Einzelmeinung zählt nicht mehr; die Person wird nicht mehr als lebende, fühlende Person gesehen – sondern entwickelt sich unter dem aufkeimenden Gemeinschaftshass auf alles was “anders tickt” und der Verzweifelung zum Feindbild aller.
Jack mit seiner Kriegsbemalung… er hat nun das Sagen auf der Insel
Was soll man zum Film noch großartig sagen. Die einzelnen Szenen sind wirklich aussergewöhnlich intensiv; nehmen Sie nur die Szene am Lagerfeuer um welches die Kinder später tanzen – sich scheinbar vergnügend, schreiend – sie schreien, um ihre Angst und alle negativen Gefühle loszuwerden. Sie werden langsam wahnsinnig. Da bekommt man eine Gänsehaut – und dies ist vor allem auch den guten Jungendarstellern zu verdanken. Einfach unglaublich. Auch der gesamte technische Part kann überzeugen. Man muss sich aber vor Augen führen, dass es sich hierbei um eine Produktion aus dem Jahre 1963 handelt; es ein Schwarz-Weiss Film ist – und daher die Bildqualität nicht wirklich optimal ist. Was hier aber gar nicht mal schlechtes heissen muss: es passt vielmehr zur Gesamtstimmung. Technisch geleckte Aufnahmen wären hier wohl nicht so wirksam. Die Handhabung der Kamera und die Szenenaufbauten führen letztendlich dazu, dass man tatsächlich glaubt; mitten auf dieser Insel zu sein. Großartige Arbeit seitens des Produktionsteams. Auch die schwarzen Fade-Outs fügen sich perfekt ein, gerade dann wenn einzelne Szenen ihren Klimax erreichen – kurze Verschnaufspause.
Der Soundtrack ist ebenfalls perfekt; auch wenn man insgesamt gar nicht viel Musik zu hören bekommt. Das Kyrie Eleison hat die wohl größte Wichtigkeit. Mit eher unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten. Zuerst wird es gesungen als die Chorjungen die erste Versammlungen erreichen; als Sinnbild für ihr Benehmen und ihre Tradition. Schon im nächsten Moment könnte es als ein verzweifelter Hilferuf (an Gott) zu interpretieren sein; bis es am Ende in einem eher wehmütigen, hoffnungslosen Flüstergesang mündet.
Die Kinder sind völlig auf sich allein gestellt
Schlussendlich und ohne das Ende zu verraten: einer meiner am meisten geschätzten Filme überhaupt. Eine großartige Umsetzung des originalen Buchstoffes. Ein einziger, winziger Negativaspekt von meiner Seite: manchmal hat man das Gefühl als würde zu wenig von der Insel gezeigt werden, die Schauplätze wirkten etwas beschränkt und sind meist nur an der Küste gelegen. Nett wäre es gewesen wenn man die Kinder auch noch zusätzlich auf ihrer Suche nach Früchten, Wasser et cetera hätte begleiten können. Sei’s drum: 9.5 von 10 Punkten sind verdient !
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